Donnerstag, 16. Juli 2026

Indiens Aufstieg zum größten Importeur russischen Rohöls: Marktverschiebungen und Sanktionseffekte

6. Juli 2026
Indiens Aufstieg zum größten Importeur russischen Rohöls: Marktverschiebungen und Sanktionseffekte
Indiens Aufstieg zum größten Importeur russischen Rohöls: Marktverschiebungen und Sanktionseffekte

Indischer Markt übernimmt Führungsposition

Der indische Energiesektor hat im Mai die Spitzenposition bei den Seeschiffslieferungen russischen Rohöls erobert und seinen Vorsprung in den Folgemonaten weiter ausgebaut. Die Raffinerieanlagen auf dem Subkontinent bezogen im Juni täglich 2,7 Millionen Barrel – doppelt so viel wie China im gleichen Zeitraum über Schiffsrouten importierte.

Exportmengen auf Rekordhöhe, Einnahmen im freien Fall

Trotz dieser beeindruckenden Absatzmengen zeigt sich ein paradoxes Bild: Russland verschiffte Ende Juni im Vier-Wochen-Durchschnitt 4,13 Millionen Barrel täglich – der höchste Wert seit Beginn der großflächigen Invasion. Gleichzeitig sank der Bruttowert der wöchentlichen Schiffsladungen im Juni auf 1,9 Milliarden US-Dollar, den niedrigsten Stand seit März.

Verantwortlich für diese Schere zwischen Volumen und Ertrag ist der Preiszerfall. Der Ural-Rohstoff fiel von 112,49 US-Dollar Anfang Mai auf zeitweise unter 45 US-Dollar Ende Juni. Im Monatsdurchschnitt stabilisierte sich der Preis bei rund 62 US-Dollar. Die entspannung der Spannungen zwischen Washington und Teheran entlastete die Situation in der Straße von Hormuz und drückte damit die globalen Ölnotierungen – und folglich Russlands Exporterlöse.

Drohnenanschläge als Exportmotor

Der Exportrekord ist unmittelbare Folge ukrainischer Drohnenangriffe, die 42 Prozent der russischen Raffineriekapazität außer Betrieb gesetzt haben. Die Ölverarbeitung verharrt auf dem niedrigsten Niveau seit 2009. Die Rohölmengen, die die beschädigten Anlagen nicht mehr in Benzin und Diesel umwandeln können, gelangen direkt auf den Weltmarkt. Analysten schätzen das Exportvolumen dieser Verschiebung auf mindestens 400.000 Barrel täglich.

Verschiebung der Kaufkraft

Wertmäßig bleibt China mit 6,75 Milliarden Euro im Juni der größte Abnehmer von Kohle, Gas und Öl – allerdings nur knapp vor Indien mit 5,36 Milliarden Euro. Die Schere schließt sich rapide: Im November lag der Abstand noch bei 2,3 Milliarden Euro, mittlerweile beträgt er nur noch 1,39 Milliarden Euro.

Türkei-Importe unter Druck

Die Türkei als dritter bedeutender Kunde verringerte ihre Bezüge innerhalb eines Monats um 28 Prozent – der niedrigste Wert seit der Invasion. Ursächlich sind die doppelten EU-Sanktionen gegen Ölproduktimporte sowie US-Strafmaßnahmen gegen Rosneft und Lukoil. Parallel bieten Kasachstan und der Irak als Ausweichlieferanten an, verlangen zwar höhere Preise, sind aber sanktionsfrei verfügbar. Dies verstärkt Russlands strukturelle Abhängigkeit von Indien und China erheblich.

Staatliche Einnahmen unter Druck

Die Steuereinnahmen des russischen Staates, berechnet nach Fördermengen statt Exporterlösen, sanken von 1.014,3 Milliarden Rubel (etwa 11,5 Milliarden Euro) im Mai auf 968,5 Milliarden Rubel (rund 11,0 Milliarden Euro) im Juni. Die verbleibenden Nettoeinnahmen stiegen dennoch auf 683,6 Milliarden Rubel (etwa 7,8 Milliarden Euro), da die Transferleistungen für die Öl- und Gasindustrie sanken.

Trotz dreier Monate mit besseren Einnahmen als budgetiert, liegen die kumulierten Öl- und Gaseinnahmen für die ersten fünf Monate etwa elf Prozent unter Plan. Das Haushaltsdefizit erreichte bereits Ende Mai sechs Billionen Rubel (rund 68 Milliarden Euro) – deutlich über dem Jahresbudget von 3,8 Billionen Rubel (etwa 43 Milliarden Euro), das Finanzminister Siluanov eingeplant hatte. Der Nationale Wohlfahrtsfonds, zu Kriegsbeginn mit über 100 Milliarden US-Dollar ausgestattet, verfügt noch über 3,4 Billionen Rubel (rund 39 Milliarden Euro).

Logistische Engpässe verschärfen sich

Ein wachsendes Logistikproblem entsteht durch das Sanktionsregime: Im Juni lagen allein 133 Millionen Barrel russischen Rohöls auf Reede vor Singapur und Ägypten. Inzwischen stehen 653 Tanker der Schattenflotte auf westlichen Sanktionslisten – sie können Häfen mit wirtschaftlichen Verbindungen zu G7-Ländern nicht anlaufen. Allein im Juni kamen 94 Schiffe hinzu. Die Tanker verharren auf hoher See, bis nicht-sanktionierte Schiffe die Fracht übernehmen und weitertransportieren.

Ein wirksames Sanktionsgeflecht

Ein kohärentes Sanktionssystem hat sich etabliert: Die EU, ehemals größter Abnehmer russischer Energieträger, ist mit 10 Prozent nur noch ein marginaler Kunde. Europäische und amerikanische Sanktionen bewirken, dass auch die Türkei ihre Bezüge reduziert – Öl, das früher die EU erreichte. Ukrainische Drohnenangriffe legen zunehmend Raffineriekapazitäten lahm, die mangels westlicher Ersatzteile nicht repariert werden können. Parallel fallen immer mehr Tanker aus dem Verkehr, um Öl von Russland zu den Käufern zu transportieren.

China demonstriert die Grenzen der russischen Exportstrategie besonders deutlich: Peking ist nicht auf russisches Öl angewiesen, sondern deckt seinen Bedarf flexibel über mehrere Lieferländer. Russland dagegen verfügt kaum noch über alternative Großabnehmer. Das Machtverhältnis hat sich umgekehrt: Nicht Moskau diktiert die Preise, sondern seine Abnehmer.

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