Donnerstag, 16. Juli 2026

Russlands Doppelkrise: Treibstoffmangel und Haushaltslöcher gefährden Geldpolitik

15. Juli 2026
Russlands Doppelkrise: Treibstoffmangel und Haushaltslöcher gefährden Geldpolitik
Russlands Doppelkrise: Treibstoffmangel und Haushaltslöcher gefährden Geldpolitik

Während Wladimir Putin die Treibstoffengpässe in Russland zu verharmlosen sucht, zeichnen Finanzexperten ein deutlich düstereres Bild der wirtschaftlichen Lage. Die Kombination aus Versorgungskrisen und unkontrolliertem Ausgabenwachstum treibt die Inflation in die Höhe und könnte die russische Zentralbank zwingen, ihre geldpolitische Straffung länger aufrechtzuerhalten als erhofft.

Haushaltsausgaben sprengen alle Grenzen

Jaroslaw Kabakow, strategischer Direktor des Finanzanalyse-Unternehmens Finam, diagnostizierte Mitte Juli eine kontinuierliche Verschlechterung der fundamentalen Marktbedingungen. Das Finanzministerium bestätigte, dass bereits im ersten Halbjahr 24,4 Billionen Rubel aus dem Staatshaushalt entnommen wurden – mehr als die Hälfte des Jahresbudgets.

Dieser Ausgabentrend deutet auf ein Gesamtbudget von etwa 49 Billionen Rubel hin, gegenüber den geplanten 44,1 Billionen. Selbst bei anhaltend hohen Ölpreisen könnte das Defizit knapp zehn Billionen Rubel erreichen und damit die vorgesehene Obergrenze von 3,8 Billionen Rubel weit überschreiten.

Die Folgen sind erheblich: Höhere Staatskreditaufnahmen, steigende Finanzierungskosten und zusätzlicher Inflationsdruck. Die expansive Fiskalpolitik unterminiert zunehmend die restriktive Geldpolitik der Zentralbank und zwingt sie, ihre Zinspolitik deutlich länger restriktiv zu halten als Marktakteure erwarteten.

Raffinerien unter Beschuss, Tankstellen im Chaos

Die Ölwirtschaft profitiert zwar von steigenden Rohstoffpreisen, doch OPEC-Daten offenbaren ein Problem: Russland unterschreitet seine Förderquote deutlich. Zwar könnten höhere Ölpreise Titel wie Rosneft, Lukoil, Gazprom Neft und Tatneft stützen, doch Exportbeschränkungen und sinkende Deviseneinnahmen begrenzen die langfristigen Gewinne.

Die eigentliche Krise spielt sich in der Raffinerieindustrie ab. Ukrainische Drohnenangriffe auf Verarbeitungsanlagen haben die Exportverbote für Treibstoffe verschärft. Anfang Juli berichtete das Medium Kommersant, dass die Raffinerien den inländischen Bedarf nicht mehr decken können. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler sank die russische Raffineriekapazität im Juni auf 4,1 Millionen Barrel pro Tag – ein Jahrestiefstand. Die gesamte Jahreskapazität beträgt normalerweise über 315 Millionen Tonnen oder etwa 6,2 Millionen Barrel täglich.

Die Folge: Lange Warteschlangen an Tankstellen sind zum Alltag geworden und schüren Unmut in der Bevölkerung. Terroranschläge auf zivile Infrastruktur, insbesondere Raffinerien und Energieanlagen, haben mehrere Betriebe beschädigt. Vizepremier Alexander Nowak beschrieb die Situation bei einer Regierungssitzung mit Putin am 8. Juli nüchtern: Benzin- und Dieselproduktion seien temporär und teilweise reduziert worden.

Notmaßnahmen und fragwürdige Lösungen

Die Regierung reagiert mit einer Reihe von Maßnahmen. Nowak kündigte ein Exportverbot für Dieselkraftstoff an, um mehr Treibstoff auf dem Inlandsmarkt verfügbar zu machen. Ergänzend kommen Preiskontrollen und eine Drosselung des Börsenhandels hinzu.

Darüber hinaus sollen Importe von Erdölprodukten und die Produktion von Treibstoffen mit reduzierten Umweltstandards Entlastung bringen. Die Zollbefreiung für importierte Erdölprodukte und Additive wurde um ein Jahr verlängert. Mit der Russischen Eisenbahn wurden zudem Rabatte auf Bahntarife erörtert, um importierte Treibstoffe günstiger zu machen.

Inflation beschleunigt sich – und mit ihr die Zinsdebatten

Die Zentralbank wird bei ihrer nächsten Sitzung am 24. Juli die steigenden Treibstoffpreise und deren Inflationswirkungen berücksichtigen müssen. Laut Rosstat stiegen die Verbraucherpreise im Juni gegenüber Mai um 0,87 Prozent, während die jährliche Inflationsrate auf 6 Prozent beschleunigte.

Stellvertretender Zentralbankchef Alexej Sabotkin relativierte dies und führte den Anstieg hauptsächlich auf einmalige Faktoren – vor allem höhere Treibstoffpreise – zurück, deren Gesamtauswirkung auf die Inflation noch begrenzt sei.

Berechnungen des Analyseunternehmens Astra UA zeigen jedoch ein differenzierteres Bild: Treibstoffe trugen 0,33 Prozentpunkte zum monatlichen Preisanstieg bei, Obst und Gemüse 0,2 Prozentpunkte, ausländische Tourismusdienstleistungen 0,08 Prozentpunkte, Kommunikationsdienste 0,07 Prozentpunkte und Tabakwaren 0,01 Prozentpunkte.

Analysten des Telegram-Kanals Tverdye Digits warnen jedoch vor einer bereinigten jährlichen Inflationsrate von 11,1 Prozent im Juni. Ohne Treibstoffe sowie Obst und Gemüse liegt sie nur bei 4,5 bis 5 Prozent. Sollten die Treibstoffpreise bis Jahresende um 20–25 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen, könnte dies der Raiffeisenbank zufolge 0,4–0,7 Prozentpunkte zur Inflation hinzufügen.

Breitenwirkung der Treibstoffkrise

Treibstoffmangel ist damit der Preistreiber Nummer eins in Russland. Branchenanalysten erwarten, dass Güterverkehr, Luftfahrt, Taxis und Kurierdienste zuerst reagieren, gefolgt von Obst-, Gemüse- und verderblichen Waren, Baumaterialien und Möbeln. Auch die Betriebskosten in der Landwirtschaft dürften steigen.

Das Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften betont, dass eine genaue Abschätzung der negativen Auswirkungen derzeit schwierig ist. Angesichts des bereits beobachteten verlangsamten Wirtschaftswachstums könnte dieser Faktor jedoch makroökonomisch erheblich werden. Im Mai senkte das Institut seine BIP-Wachstumsprognose für 2026 um 0,4 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent.

Zentralbank unter Druck

Alexander Abramow vom Institut der angewandten Wirtschaftsforschung zieht aus dem Inflationsanstieg von 5,31 Prozent im Mai auf 6,2 Prozent im Juni eine klare Schlussfolgerung: Die Inflationsbekämpfung sei dieses Jahr gescheitert. Die Zentralbank habe nun Grund, den Leitzins im Juli anzuheben – trotz eines Rückgangs der Wirtschaftsleistung um 0,64 Prozent im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal.

Doch Putin scheint einen anderen Kurs fahren zu wollen. Nach einem Gespräch mit Zentralbankchefin Elwira Nabiullina am 14. Juli erklärte er, er sei überzeugt, dass der Leitzins angesichts der makroökonomischen Indikatoren und wirtschaftlichen Stabilität „natürlich" gesenkt werden könne. Eine weitere Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte auf 14 Prozent scheint damit nicht ausgeschlossen – ein klares Signal, dass Putin die geldpolitische Richtung vorgibt.

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