Ölmarkt unter Druck: Großbanken senken Kursziele bis auf 60 Dollar

Der Brent-Ölpreis befindet sich in einem rasanten Abwärtstrend. Gestern fiel die Notierung bis auf 70,18 Dollar, aktuell werden 71,51 Dollar gezahlt. Innerhalb von drei Wochen verlor das schwarze Gold über 20 Prozent an Wert – von 94 Dollar ausgehend.
Straße von Hormus wieder durchgängig
Die Öffnung der Straße von Hormus markiert einen Wendepunkt für die Marktdynamik. Rohöl fließt wieder ungehindert auf den Weltmarkt. Diese Woche zeigt sich besonders deutlich: Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien exportieren Mengen in dem Ausmaß wie vor Kriegsbeginn. Tanker, die monatelang im Persischen Golf festsaßen, können ihre Ladungen endlich an die Käufer liefern.
Doch hier liegt das zentrale Problem: Die Nachfrageseite hat sich längst auf die Krise eingestellt und reduziert ihre Einkäufe. Eine massive Ölflut trifft auf einen Markt, der diese zusätzlichen Mengen gegenwärtig nicht aufnehmen kann.
JPMorgan und andere Häuser drehen pessimistisch
JPMorgan, das noch im März mit einer 200-Dollar-Warnung die Öloptimisten in Ekstase versetzte, präsentiert sich nunmehr deutlich bearisch. Der Ölmarktexperte Javier Blas zitierte die Bank mit den Worten: „Eine Ölflut steht kurz davor, auf den Markt zu strömen. Und genau darin liegt das Paradoxon. Der Anstieg des Ölangebots wird bald auf einen Markt treffen, der es – zumindest derzeit – schlichtweg nicht braucht."
Citigroup senkt Ziel auf 60 Dollar
Die Citigroup rechnet damit, dass der Brent-Ölpreis bis Jahresende auf 60 Dollar je Barrel fallen könnte. Die Analysten um Francesco Martoccia begründen dies mit der Normalisierung der Schifffahrtsströme und der schwachen physischen Nachfrage. Chinesische Käufer bleiben dem Markt fern, während die Lagerbestände weniger stark gesunken sind als erwartet.
„Die Fundamentaldaten setzen sich rasch wieder durch", schreiben die Citi-Analysten. Sie empfehlen Investoren, jede Sommerrallye zum Verkaufen zu nutzen. Ihr Szenario für das Jahresende liegt zwischen 60 und 65 Dollar je Barrel.
Die Normalisierungsphase dürfte turbulent ausfallen, da sich Schifffahrtsrouten neu einpendeln, Versicherungsmärkte anpassen und logistische Engpässe abgebaut werden. Allerdings deuten steigende Verkehrsvolumina darauf hin, dass Marktteilnehmer das Risikoumfeld zunehmend als beherrschbar einschätzen.
Breite Skepsis unter den Finanzinstituten
Citi steht nicht allein mit seiner pessimistischen Einschätzung. Goldman Sachs warnt vor einer Rückkehr in das Überangebot, da die Auswirkungen des Iran-Kriegs nachlassen und der Verkehr durch die Straße von Hormus sich erholt. Morgan Stanley senkte seine Ölprognosen in den vergangenen Wochen zweimal und verweist ebenfalls auf Überangebotrisiken.
Für aktive Trader bedeutet diese Konstellation eine klare Botschaft: Die großen Finanzinstitute sehen wenig Aufwärtspotenzial und empfehlen, Kursgewinne zu nutzen.
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