Donnerstag, 16. Juli 2026

Europäische Gewinnsaison könnte Aktienmärkte beflügeln – Chancen in Energie, KI und Infrastruktur

14. Juli 2026
Europäische Gewinnsaison könnte Aktienmärkte beflügeln – Chancen in Energie, KI und Infrastruktur
Europäische Gewinnsaison könnte Aktienmärkte beflügeln – Chancen in Energie, KI und Infrastruktur

Die kommende Berichtssaison für das zweite Quartal signalisiert einen deutlichen Wendepunkt für europäische Aktienmärkte. Während das Gewinnwachstum bislang eine Bremse für die regionalen Indizes dargestellt hat, zeichnet sich nun ein sprunghafter Anstieg ab – getragen von mehreren Branchen, die von aktuellen Markttrends profitieren.

Stärkste Gewinndynamik seit 2023

Bloomberg Intelligence prognostiziert für im MSCI Europe Index gelistete Unternehmen einen Gesamtgewinnanstieg von 11,5 Prozent – der höchste Wert seit dem ersten Quartal 2023. Dies markiert einen signifikanten Bruch mit der bisherigen Stagnation, die seit 2022 die europäische Unternehmensrentabilität geprägt hat.

Bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Gewinnprognosen: Im Gegensatz zu historischen Mustern haben Analysten ihre Schätzungen in den Wochen vor Berichtsbeginn wiederholt nach oben revidiert. JPMorgan-Strategen unter Leitung von Mislav Matejka betonen, dass die Korrektur der Gewinne je Aktie in der Eurozone „eindeutig positiven Bereich erreicht" hat. Das Gefälle zu den USA hat sich deutlich verringert und könnte zum ersten Mal seit Anfang 2025 vollständig ausgeglichen werden.

Energiesektor als Haupttreiber

Der Energiesektor wird voraussichtlich etwa die Hälfte des erwarteten Quartalswachstums ausmachen. Konzerne wie Shell und BP profitieren von drei vollständigen Monaten mit erhöhten Rohölpreisen, im Vergleich zu lediglich einem Monat im ersten Quartal. Shell berichtete bereits von „deutlich höheren" Ergebnissen im Gashandel gegenüber dem Vorquartal, während Repsols Raffineriemargenindikator den höchsten Stand seit 2023 erreichte.

Laurent Douillet, Stratege bei Bloomberg Intelligence, sieht zudem Bankensektor-Gewinne als wesentlichen Beitrag. Produktivitätsgewinne durch KI-Einsatz könnten die Kostenentwicklung begrenzen, während Wertberichtigungen auf Kredite voraussichtlich nicht wiederkehren, da Schocks wie der Zusammenbruch von Market Financial Solutions eher als Einzelfälle denn als systemische Probleme einzuschätzen sind.

KI und Infrastruktur als sekundäre Wachstumsmotoren

Unternehmen, die von künstlicher Intelligenz profitieren, bilden den dritten bedeutenden Wachstumsmotor. Neben Chipherstellern wie Infineon und STMicroelectronics zählen dazu Unternehmen, die für Rechenzentrumsausbau essentiell sind: der Gasturbinenhersteller Siemens Energy und der Energieausrüstungsanbieter Schneider Electric. ASML, der globale Schlüsselproduzent für Chipproduktionsanlagen, wird am 17. Juli Quartalszahlen melden, SAP folgt am 23. Juli.

Im Dax könnten Industrie- und Infrastrukturwerte wie Siemens und Siemens Energy punkten. Europäische Unternehmen sind im KI-Sektor weniger konzentriert als ihre US-Pendants, was die Region vor extremen Bewertungsschwankungen schützt.

Bewertungsrisiken nehmen zu

Allerdings haben die kontinuierlichen Gewinnanhebungen die Bewertungsstandards erhöht. Der Stoxx Europe 600 notiert derzeit beim 15-fachen der erwarteten Gewinne (KGV), über dem 20-Jahres-Durchschnitt von 13,4. Während Automobil- und Energiesektor noch vergleichsweise günstig wirken, sind Bewertungen in Reisen, Versorgern, Technologie und Banken in den letzten Monaten gestiegen.

Peter Oppenheimer und sein Team bei Goldman Sachs warnen, dass die Kurssteigerungen des Stoxx 600 außerhalb des Rohstoffsektors weitgehend von Bewertungsexpansion getrieben wurden. Dies erhöht das Risiko stärkerer negativer Reaktionen auf verfehlte Gewinnerwartungen.

Geopolitische und strukturelle Faktoren

Die Gewinnsaison beginnt vor dem Hintergrund eines fragilen Waffenstillstands im Nahen Osten und anhaltender Investitionswellen im KI-Bereich. Dennoch sehen Strategen Chancen: Europas geringeres Engagement im Chipsektor, kombiniert mit staatlichen Konjunkturmaßnahmen und einer Erholung bei defensiven Werten, schafft eine andere Dynamik als in den USA.

Jim Caron, Chief Investment Officer bei Morgan Stanley Investment Management, konstatiert: „Während man sich in den USA Sorgen um KI und den Technologiemarkt macht, profitiert Europa davon, da es nicht in diesem Maße exponiert ist und zudem durch die Fiskalpolitik unterstützt wird."

JPMorgan erwartet für die Eurozone in diesem Jahr ein starkes zweistelliges Gewinnwachstum je Aktie – sofern der Iran-Konflikt nicht vollständig eskaliert. Die Spanne zwischen europäischen und amerikanischen Gewinndynamiken könnte sich damit erstmals seit längerer Zeit deutlich verringern.

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