Bewertungsfallen bei Automobil- und Chipaktien: Wenn günstige KGVs zum Warnsignal werden

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis als Orientierungshilfe
Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) gibt Aufschluss darüber, mit welchem Vielfachen des jährlichen Gewinns eine Aktie gehandelt wird. Werte zwischen 10 und 20 entsprechen dem Marktstandard, während Bewertungen darunter auf Unterbewertung deuten können. Allerdings warnt dies auch: Sind die Kennziffern dauerhaft extrem niedrig, steckt oft ein grundlegendes Problem dahinter. Das trifft sowohl auf Autobauer als auch auf Halbleiterhersteller zu.
Automobilsektor unter Druck: Volkswagen im Fokus
Die deutschen Autohersteller notieren derzeit mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen deutlich unter 10 – ein Niveau, das zunächst wie ein Schnäppchen wirkt. Volkswagen zeigt dies besonders deutlich: Das Unternehmen wird für 2026 und 2027 mit KGV-Erwartungen von 3,9 beziehungsweise 3,13 bewertet. Dabei ist der Aktienkurs des Wolfsburger Konzerns in den letzten fünf Jahren von über 200 Euro auf aktuell 75,34 Euro gefallen.
Trotz dieser günstigen Bewertung bleiben Investoren vorsichtig. Der Grund liegt in der strategischen Lage des Unternehmens: Am 26. Juni kündigte Volkswagen die Schließung von vier Werken und den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen an. Dies verdeutlicht die Tiefe der Krise, in der sich der Autobauer befindet.
Die paradoxe Situation erklärt sich dadurch, dass Volkswagen zwar noch Gewinne erwirtschaftet und große Mengen Fahrzeuge absetzt, die Börse jedoch längerfristige negative Entwicklungen einpreist. Die Marktakteure haben die Abwärtstrends erkannt und wollen nicht zu Höchstpreisen einsteigen, während sich die Fundamentals verschlechtern. Das extrem niedrige KGV ist somit ein Warnsignal, nicht nur eine Kaufgelegenheit.
Speicherchip-Hersteller: Zyklisches Risiko bleibt präsent
Ein anderes Muster zeigt sich bei den Produzenten von Speicherchips. SK Hynix, Micron und Samsung Electronics verzeichneten in jüngster Zeit kräftige Kursgewinne. Allerdings stiegen die Unternehmensgewinne noch stärker, was zu weiterhin günstigen Bewertungen führt. SK Hynix wird für 2026 mit einem KGV von 7,39 und für 2027 mit 5,06 bewertet, Micron mit 13,33 respektive 6,4, Samsung mit 7,02 beziehungsweise 4,97.
Auf den ersten Blick scheinen diese Niveaus attraktiv für Käufer. Doch professionelle Investoren haben die historischen Lektionen gelernt: Die Chipbranche unterliegt langfristigen Zyklen, die ähnlich wie in der Containerreederei-Branche in regelmäßigen Abständen umkippen.
Die aktuelle Sorge der Marktakteure basiert auf einem bekannten Muster: In Boom-Phasen fahren die Chiphersteller ihre Produktion massiv hoch und bauen Kapazitäten dramatisch aus. Dies führt in ein bis zwei Jahren potenziell zu massivem Überangebot. Die Konsequenz wären sinkende Chippreise, steigende Personalkosten und Geschäftseinbußen – ein Szenario, das sich in der Branchengeschichte mehrfach abgespielt hat.
Investoren, die frühere Absturzphasen miterlebt haben, wollen nicht das Risiko eingehen, auf Rekordniveaus einzusteigen und dann jahrelange Kursverluste zu erleben. Deshalb bleiben die Bewertungen niedrig, obwohl die aktuellen Gewinne robust sind.
Das KI-Narrativ als Wildcard
Allerdings gibt es eine gegensätzliche These: Der anhaltende KI-Boom könnte den klassischen Chip-Zyklus durchbrechen. Manche Marktkommentatoren argumentieren, dass die Nachfrage nach Speicherchips durch künstliche Intelligenz für Jahre hinweg robust bleiben könnte – anders als in früheren Boom-Phasen.
Dies ist letztlich die zentrale Unsicherheit: Wer die Zukunft richtig einschätzt, bleibt offen. Günstige Bewertungen können sowohl vor echten Gefahren warnen als auch unberechtigte Chancen verpassen lassen.
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