Mittwoch, 20. Mai 2026

EZB-Ratsmitglied warnt vor Stagflations-Szenario in der Eurozone

13. Mai 2026
EZB-Ratsmitglied warnt vor Stagflations-Szenario in der Eurozone
EZB-Ratsmitglied warnt vor Stagflations-Szenario in der Eurozone

Die Europäische Zentralbank rückt das Szenario einer Stagflation in den Fokus ihrer Analysen. Führende Ratsmitglieder signalisieren, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen in der Eurozone in eine ungünstige Richtung entwickeln könnten.

Strukturelle Belastungen treffen auf Energiekrise

Eine bereits bestehende Strukturkrise der europäischen Wirtschaft wird durch geopolitische Spannungen verschärft. Der Konflikt im Iran und die damit verbundenen Energiemarktturbulenzen setzen zusätzlichen Druck auf das Wachstum auf, das sich bereits dem Nullpunkt nähert. Parallel dazu hat die Inflation in der Eurozone die Marke von 3,0 Prozent erreicht und zeigt Tendenzen, weiter anzusteigen. Diese Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Preissteigerungen definiert das gefürchtete Stagflations-Szenario.

Das geldpolitische Dilemma

Die aktuelle Situation stellt die Notenbank vor ein klassisches Dilemma. Unter normalen Bedingungen könnte eine schwache Konjunktur durch Zinssenkungen stimuliert werden – der Leitzinssatz liegt derzeit bei 2,0 Prozent. Doch bei gleichzeitig steigender Inflation würden Lockerungsmaßnahmen die Preissteigerungen weiter anfachen. Umgekehrt können Zinserhöhungen zwar die Inflation bremsen, belasten aber die bereits schwache Wirtschaftstätigkeit zusätzlich durch höhere Kreditkosten für Unternehmen und private Haushalte.

Marktteilnehmer rechnen damit, dass die EZB bis September zweimal die Zinsen um jeweils 0,25 Prozentpunkte erhöhen wird. EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutete bereits Ende April vorsichtig eine aufwärts gerichtete Tendenz an.

Stimmen aus dem EZB-Rat

Olli Rehn, Mitglied des EZB-Rats und Gouverneur der finnischen Zentralbank, äußerte sich deutlich zu den aktuellen Entwicklungen. Nach seinen Aussagen zeigen die statistischen Daten bereits erste Stagflations-Indikatoren: Das Wachstum in der Eurozone fiel im ersten Quartal nur schwach positiv aus, während die Inflation gleichzeitig auf 3 Prozent kletterte. Rehn relativiert den aktuellen Schock zwar im Vergleich zur Preisexplosion von 2022, warnt aber, dass sich die Entwicklungen vom Bassisszenario der EZB entfernen und einem „weniger günstigen Szenario" annähern – insbesondere mit Blick auf die Ölpreise.

Bulgariens Zentralbankgouverneur Dimitar Radev beschreibt die gegenwärtige Situation als erneuten externen Preisschock, ausgelöst durch geopolitische Spannungen und Energiemarktvolatilität. Sein slowenischer Kollege Primoz Dolenc stimmt zu, dass die Energiemarkt-Schwankungen derzeit nur begrenzte unmittelbare Auswirkungen zeigen. Allerdings warnt er vor steigenden Inflationserwartungen bei Verbrauchern und möglichen Verzögerungseffekten: Höhere Energie- und Rohstoffpreise auf globalen Märkten könnten sich allmählich in höheren Preisen für Waren und Dienstleistungen niederschlagen.

Abwartende Stimmen

Der estnische Zentralbankchef Madis Müller, dessen Amtszeit nächsten Monat endet, sieht die Stagflations-Gefahr weniger kritisch. Er betont jedoch, dass eine rasche Lösung der Iran-Krise erforderlich wäre, um eine Geldpolitik-Straffung zu vermeiden. Eine schnelle Entspannung in der Straße von Hormus und der Nahostregion könnte den Energiepreisen helfen, deutlich zu sinken. Müller geht davon aus, dass das aktuelle Energiepreis-Niveau zwar zu schwächerem Wachstum führt, sieht aber nicht, dass die Eurozone bereits in eine Stagflation abgerutscht ist.

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