Nvidia-Quartalsbericht heute Abend: Erwartungen auf Rekordhöhe, Überraschungspotenzial begrenzt

Der Chipkonzern Nvidia wird heute Abend nach 22 Uhr seine Quartalsergebnisse präsentieren – ein Ereignis, das an den globalen Kapitalmärkten große Aufmerksamkeit genießt. Doch während die Zahlen voraussichtlich erneut beeindruckend ausfallen werden, stellen sich viele Marktakteure die Frage, ob sie ausreichen, um neue Kursgewinne zu triggern.
Die Erwartungshaltung ist gestiegen, doch die Nvidia-Aktie hat den jüngsten KI-Hype nicht vollständig mitgenommen. In den vergangenen zwölf Monaten legte die Aktie um 63 Prozent zu, während Konkurrenten wie AMD um 260 Prozent zulegen konnten. Auch Samsung profitierte mit einem Plus von 393 Prozent davon, dass Investoren ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf Speicherlösungen richteten, die für KI-Rechenzentren erforderlich sind. Der breitere Markt, repräsentiert durch den S&P 500 mit einem Plus von 23 Prozent, hinkt diesen Spezialistenindizes deutlich hinterher.
Die Analystenschätzungen für die heutige Bilanzpräsentation sind deutlich angewachsen. Für das erste Quartal 2026 wird ein Umsatz von durchschnittlich 79,19 Milliarden Dollar erwartet – gegenüber 44,1 Milliarden Dollar vor zwölf Monaten und 26,04 Milliarden Dollar zwei Jahre zuvor. Das entspricht einem Jahreswachstum von knapp 80 Prozent. Beim Gewinn pro Aktie prognostizieren die Märkte einen Anstieg auf 1,77 Dollar, gegenüber 0,96 Dollar im Vorjahr und 0,61 Dollar zwei Jahre zuvor – ein Zuwachs von etwa 84 Prozent. Nvidia hat in den vergangenen 13 Quartalen die Gewinnerwartungen konsistent übertroffen, ebenso wie die Umsatzprognosen in 14 aufeinanderfolgenden Quartalen. Allerdings fiel die Größenordnung dieser Überraschungen zuletzt geringer aus.
Margen unter Druck, Wettbewerb verschärft sich
Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst bei Swissquote, weist darauf hin, dass Nvidia trotz massiver Produktionsausweitung bei der neuen Blackwell-Architektur und zunehmendem Wettbewerb seine Margen bei etwa 75 Prozent halten dürfte. Dies unterstreiche die anhaltende Preissetzungsmacht des Unternehmens. Allerdings hat sich die Wettbewerbslandschaft fundamental verändert.
Während GPUs zu Beginn des KI-Booms unverzichtbar waren – sie sind hervorragend darin, Tausende Berechnungen parallel zu verarbeiten, wie es das Modelltraining erfordert – verlagert sich der Fokus zunehmend auf die Inferenz, also die praktische Anwendung trainierter Modelle. In dieser Phase spielen auch TPUs, CPUs und insbesondere Speicherchips eine zentrale Rolle. Dies erklärt, warum traditionelle Chiphersteller sowie die großen Hyperscaler-Unternehmen verstärkt in eigene Chip-Entwicklungen investieren. Amazon, Google und Meta arbeiten alle an hauseigenen Lösungen, um kostengünstigere Alternativen zu Nvidias Premium-Produkten zu schaffen.
Nvidia antwortet mit seiner neuen Vera-Rubin-Plattform, die CPU-Technologien integriert und auf die nächste Phase der KI-Anwendungen ausgerichtet ist. Investoren werden genau beobachten, wie erfolgreich der Übergang zu dieser Plattform voranschreitet und ob Nvidia seine Margen während der Skalierung behaupten kann.
Optionsmärkte signalisieren Volatilität
Die Nvidia-Aktie schloss gestern bei knapp 220 Dollar, etwa 16 Dollar unter dem in der vergangenen Woche erreichten Allzeithoch. Die Optionsmärkte preisen derzeit eine implizite Kursbewegung von etwa 6 bis 8 Prozent in beide Richtungen für die Zeit nach der Bilanzveröffentlichung ein. Allerdings ist die Richtung schwer vorherzusagen: Die Markterwartungen sind bereits so hoch gesetzt, dass selbst deutliche Überraschungen möglicherweise nicht zu den euphorischen Kurssprüngen führen werden, die während der frühen Phase des KI-Booms zu beobachten waren.
JoAnne Feeney, Portfoliomanagerin bei Advisors Capital Management, fasst das Dilemma zusammen: Nvidia habe die Erwartung geweckt, jedes Quartal die Prognosen zu übertreffen und die Ausblicke anzuheben. Sollte dies nicht geschehen, wäre dies enttäuschend. Gleichzeitig könnte ein starker Bericht Gewinnmitnahmen nicht verhindern, die bei den gegenwärtigen Bewertungen als gesund angesehen werden könnten.
Bewertung auf historischem Tiefstand
Paradoxerweise notiert die Nvidia-Aktie derzeit unter dem 24-fachen des geschätzten Gewinns – deutlich unter dem 10-Jahres-Durchschnitt von etwa 36. Die Konsensschätzungen für das Geschäftsjahr 2027 sind in den letzten drei Monaten um 13 Prozent gestiegen, die Umsatzprognosen um 12 Prozent. Jeffrey Blazek, Co-Chief Investment Officer bei Neuberger Berman, sieht die Bewertung als beruhigend an: „Wir befinden uns nicht in einer Blase im Verhältnis zu Gewinnen oder Cashflow."
Allerdings könnte sich das Wachstumstempo verlangsamen. Für das Geschäftsjahr 2027 wird ein Umsatzwachstum von etwa 72 Prozent erwartet, für 2028 von 34 Prozent, mit weiterer Verlangsamung danach. Neville Javeri, Portfoliomanager bei Allspring Global Investments, betont: Es gehe weniger um einzelne Quartale als vielmehr um die Dauer des Wachstums insgesamt. Er werde besonders auf Details zu den Blackwell-Verkäufen und der zukünftigen Nachfrage nach der Rubin-Produktreihe achten.
In dieser Berichtssaison haben 93 Prozent der Chiphersteller die Gewinnerwartungen übertroffen, mit einer durchschnittlichen positiven Überraschung von fast 25 Prozent – deutlich über dem Vorquartals-Durchschnitt von 6,6 Prozent.
Sollte Nvidia nachweisen können, dass seine neuesten Chips starke Nachfrage generieren und der adressierbare Markt größer ist als erwartet, könnte dies Investoren beruhigen, die breit in KI-Profiteure investiert sind. Andernfalls könnten Gewinnmitnahmen trotz solider Zahlen nicht ausbleiben.
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