Industriewerte folgen Halbleiter-Dynamik: KI-Boom treibt ungewöhnliche Korrelation

Unerwartete Parallelen an den Märkten
Der gegenwärtige Investmenttrend rund um künstliche Intelligenz erfasst nicht nur die klassischen Technologieunternehmen, sondern auch traditionelle Industriekonzerne – ein Phänomen, das in dieser Form bislang beispiellos ist. Während Europa von dieser Entwicklung weitgehend abgekoppelt bleibt, mangels eigener KI-Industrie, konzentriert sich die Dynamik auf Asien und die Vereinigten Staaten.
Die Chiphersteller und jene Industrieunternehmen, die die notwendige Infrastruktur für KI-Systeme bereitstellen, verzeichnen außergewöhnliche Kursgewinne. Bemerkenswert ist dabei die nahezu identische Kursentwicklung beider Sektoren – ein Phänomen, das die Märkte bislang nicht kannten.
Beeindruckende Gewinne im Industriesektor
Der Philadelphia Semiconductor Index, das Branchenbarometer für amerikanische Chipaktien, erzielte in den vergangenen zwölf Monaten ein Plus von 148 Prozent. Doch klassische Industriewerte übertreffen diese Performance teilweise erheblich. Der Baumaschinen-Hersteller Caterpillar legte um 164 Prozent zu. GE Vernova stieg um 153 Prozent, während Siemens Energy, das vom amerikanischen Geschäft profitiert, 125 Prozent hinzugewann. Baker Hughes erzielte immerhin noch 70 Prozent Rendite. Siemens Energy stellt eine seltene europäische Ausnahme dar, die vom KI-Investmentboom profitiert.
Beispiellose Bewegungsmuster
Die Korrelation zwischen dem S&P 500 Industrials Sector – der Aktien wie John Deere und Fastenal umfasst – und dem Philadelphia Semiconductor Index beträgt laut Bloomberg-Daten aktuell 0,75 auf 45-Tage-Basis und erreicht damit nahezu den höchsten Stand seit Juni. Ein Wert von 1,0 würde bedeuten, dass sich beide Indizes im perfekten Gleichschritt bewegen.
Diese Synchronisation zeigte sich deutlich am Montag, als Chipfertiger wie Qualcomm und Micron Technology sowie Industrieunternehmen wie der Infrastrukturausrüster Vertiv zu den Top-Performern des S&P 500 zählten.
Wachsende Abhängigkeit von einem Trend
Michael O'Rourke, Marktstratege bei JonesTrading Institutional Services, äußert Bedenken: „Wenn KI der einzige Motor ist, der sowohl den Aktienmarkt als auch die Wirtschaft antreibt, wird jede Art von Schwäche letztendlich zu einem größeren Problem für alles. Jede Schwäche, die bei einem wichtigen Akteur hier auftritt, dürfte Auswirkungen auf alles haben."
Nach Analyse von Renaissance Macro Research gibt es derzeit 15 Nicht-Tech-Unternehmen mit einer kombinierten Marktkapitalisierung von 2 Billionen US-Dollar, deren Kursbewegungen als Ableitung der KI-Investitionen charakterisiert werden können. Sollte der KI-Investitionszyklus irgendwann an Fahrt verlieren, könnte dies zu einem breiter gestreuten Wohlstandseffekt-Rückgang führen, der über die großen Technologieunternehmen hinausgeht.
Unternehmen wie Vertiv, Eaton, Caterpillar und Cummins stehen dabei an vorderster Front. Diese Aktien weisen eine Korrelation von über 60 Prozent zum VanEck Semiconductor ETF auf. Neil Dutta, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Renaissance Macro, erklärt das Phänomen: „Das sind keine Tech-Aktien. Sie handeln sich wie Halbleiter, weil ihre Auftragsbücher zu KI-Investitionsauftragsbüchern geworden sind." Caterpillar verkauft beispielsweise Notstromaggregate an Rechenzentren, während Vertiv Kühl- und Energiemanagement-Systeme liefert.
Bewertungsprämien und Gewinnüberraschungen
Emily Roland, Co-Investmentstrategie-Chefin bei Manulife John Hancock, betont: „Das sind die Spitzhacken und Schaufeln sowie die Infrastruktur hinter dem KI-Ausbau." Obwohl der Sektor teuer geworden sei, überträfen die Gewinnüberraschungen in der Industrie andere Gruppen deutlich. Zu Beginn der aktuellen Berichtssaison hätten Analysten ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 3 Prozent erwartet, während der Sektor tatsächlich 20 Prozent verzeichnete.
Allerdings werden Industrieunternehmen im S&P 500 erstmals seit 2021 mit höheren erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnissen bewertet als Technologieunternehmen – eine Bewertungsprämie, die in diesem Jahrhundert bislang nur kurzzeitig übertroffen wurde.
Risikofaktoren und historische Parallelen
Philip Straehl, Chief Investment Officer bei Morningstar Wealth, warnt vor Konzentrations-Risiken. Der US-Aktienmarkt sei „zunehmend zu einer konzentrierten Wette auf KI geworden", da das Gewinnwachstum an die Ausgaben für KI-Infrastruktur gekoppelt ist. Allerdings seien die KI-Ausgaben zum jetzigen Zeitpunkt „nur eine Prognose" – einige dieser Ausgabenpläne könnten gekürzt werden.
Die Geschichte zeige zahlreiche Beispiele – von Eisenbahnen bis zu Glasfasernetzen – bei denen Unternehmen Kapazitäten auf Basis optimistischer Prognosen aufbauten. In diesen Fällen profitierten letztlich die Verbraucher, nicht die Investoren.
Tatsächlich zeigten sich bereits Anfang Mai Auswirkungen, als Aktien von Vertiv und GE Vernova um 5,4 beziehungsweise 2,8 Prozent fielen, nachdem Berichte über verfehlt Ziele eines großen KI-Unternehmens bekannt wurden.
Technische Perspektive
DataTrek Research beobachtet, dass Industriewerte sich teilweise im Einklang mit historischen Mustern bewegen. Nach einem Anstieg im Februar, der den S&P 500 Industrials Sector um zwei Standardabweichungen über den breiter gefassten S&P 500 führte, befindet sich die Gruppe derzeit in einer erwarteten 100-tägigen Konsolidierungsphase. Dennoch bleibt die konzentrierte Outperformance bei KI-nahen Industriewerten bestehen.
Das Unternehmen merkt an: „Industriewerte haben in letzter Zeit als Derivat des KI-Handels eine Renaissance des Anlegerinteresses erlebt, doch das hat dazu geführt, dass viele führende Unternehmen zwar tech-ähnliche Bewertungen aufweisen, aber nach wie vor kapitalintensive, produktionsorientierte Geschäftsmodelle haben."
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