Mittwoch, 20. Mai 2026

Europas Flugkerosin-Vorräte unter Druck – Sommerengpässe drohen

7. Mai 2026
Europas Flugkerosin-Vorräte unter Druck – Sommerengpässe drohen
Europas Flugkerosin-Vorräte unter Druck – Sommerengpässe drohen

Die bevorstehende Sommersaison stellt Europa vor ein logistisches Dilemma: Während Millionen von Reisenden zu ihren Urlaubszielen fliegen wollen, verschärft sich die Verfügbarkeit von Flugkerosin erheblich. Schuld daran sind zwei zusammenkommende Faktoren – der Konflikt im Iran, der Lieferketten aus dem Nahen Osten unterbricht, sowie ein strukturelles Problem: Europäische Raffinerien haben ihre Kapazitäten über Jahre hinweg gezielt reduziert, um die Energiewende voranzutreiben. Die Folge ist eine gestiegene Abhängigkeit von Importen, insbesondere aus der Golfregion.

Amerikanische Exporte auf Rekordniveau – aber unzureichend

Die USA, als weltweit größter Ölproduzent, versuchen diese Lücke zu füllen. Nach Daten der US-Energiebehörde EIA exportierten die Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche 8,2 Millionen Barrel raffinierter Ölprodukte täglich – ein historisches Rekordhoch. Allerdings gelangt nur ein Teil dieser Mengen nach Europa, und dies ersetzt die ausgefallenen Lieferungen aus dem Nahen Osten nicht vollständig.

Lufthansa fordert Regelungsanpassungen

Die Branche reagiert mit wachsender Besorgnis. Lufthansa-Chef Spohr fordert eine temporäre Aussetzung der europäischen Anti-Tankering-Regelungen. Diese Vorschriften verbieten es derzeit, bei drohenden Engpässen an einzelnen Flughäfen zusätzlichen Treibstoff für Rückflüge mitzunehmen. Die Forderung verdeutlicht, dass Knappheitsszenarien in der Luftfahrtindustrie bereits als realistisches Risiko wahrgenommen werden.

Fachleute warnen vor kritischem Rückgang

Das Beratungsunternehmen Energy Aspects hat ein detailliertes Szenario durchgerechnet: Sollte Hormuz monatelang blockiert bleiben, würden europäische Flugkerosin-Bestände in diesem Quartal täglich um 230.000 Barrel schrumpfen – etwa das Doppelte des italienischen Gesamtbedarfs. Natalia Losada, Senior-Analystin bei Energy Aspects, prognostiziert: „Ich denke, wir werden ab Ende Juni Probleme bekommen" – allerdings nicht flächendeckend in Europa, sondern in einzelnen Ländern.

Diese Einschätzung wird von Analysten von Goldman Sachs, FGE NexantECA, BloombergNEF und der Internationalen Energieagentur (IEA) geteilt. Während ihre Bewertungen in Details variieren, zeichnet sich ein konsistentes Bild ab: Je länger die Straße von Hormus geschlossen bleibt, desto akuter wird die Versorgungskrise.

Unsicherheiten bei der Prognose

Eine exakte Vorhersage ist schwierig, da mehrere Variablen zusammenkommen: die tatsächliche Produktion in regionalen Raffinerien, die Nachfrage der Fluggesellschaften und schwankende Importmengen lassen sich nicht mit absoluter Genauigkeit vorhersagen. Hinzu kommt eine politische Komponente: Die Europäische Union hat bereits Maßnahmen wie eine optimierte Verteilung und Steuersenkungen vorgeschlagen. Die IEA-Mitgliedsländer haben sich auf die Freigabe strategischer Ölreserven geeinigt, wobei unklar bleibt, welcher Anteil davon auf Flugkerosin entfällt.

Die Signale sind dennoch beunruhigend. Die Bestände in den unabhängigen Lagern des Ölhandelszentrums Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen sinken mit Annäherung des Sommers rapide und erreichen laut Insights Global den niedrigsten Wert für diese Jahreszeit seit mehr als zehn Jahren.

Szenarien und Reserven

Energy Aspects kalkuliert mit einem Extremszenario: Falls die Blockade andauert und die europäische Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt, würden die Gesamtbestände bis Ende Juni auf knapp über 60 Millionen Barrel sinken. Das klingt auf den ersten Blick nicht dramatisch, doch Losada weist auf ein entscheidendes Detail hin: Die Bestände sind regional ungleich verteilt, und Regierungen werden aus Gründen der Energiesicherheit nicht zulassen, dass Lagerbestände tatsächlich auf Null fallen. Ende März befanden sich etwa ein Drittel der europäischen Vorräte unter staatlicher Kontrolle.

Die IEA warnt in einem aktuellen Bericht vor folgendem Szenario: Sollte Europa im Juni weniger als die Hälfte der ausgefallenen Lieferungen aus dem Nahen Osten kompensieren können, würden die Vorräte nur noch 23 Tage des künftigen Bedarfs decken. In diesem Fall könnten „an ausgewählten Flughäfen physische Engpässe auftreten, was zu Flugausfällen und einem Nachfragerückgang führte".

Hoffnungsvolle Gegenmaßnahmen

Allerdings gibt es auch Entlastungsfaktoren. FGE NexantECA schätzt, dass im Rahmen der IEA-Vereinbarung zur Reservefreigabe täglich 170.000 Barrel Flugkerosin über 90 Tage bereitgestellt werden. Kombiniert mit erhöhter inländischer Produktion, fortlaufenden Atlantik-Importen und einer um etwa 2 Prozent reduzierten Nachfrage könnten europäische Flughäfen laut Eugene Lindell (FGE NexantECA) Versorgungsengpässe bis Ende Juni abwenden.

Goldman Sachs geht in seinem Basisszenario von einer Normalisierung am Golf im Juni aus. Nach dieser Prognose würden die europäischen Flugkerosin-Bestände bis Ende Mai auf die kritische 23-Tage-Schwelle der IEA sinken und diese im Juni unterschreiten.

BloombergNEF bietet eine etwas optimistischere Perspektive: „Europa könnte in diesem Sommer eine physische Knappheit an Flugbenzin vermeiden, obwohl der Krieg im Iran die Lieferungen unterbrochen und die Preise erhöht hat." Ende April verfügte die Region demnach über etwa 70 Millionen Barrel Flugkerosin-Bestände, was den Importbedarf bis weit ins Jahr 2027 hinein abdeckt – vorausgesetzt, alternative Quellen ersetzen einen Teil der ausgefallenen Mengen im Basisszenario.

Das Gesamtbild bleibt angespannt: Während Maßnahmen zur Entspannung eingeleitet wurden, hängt die tatsächliche Entwicklung von der Dauer der Hormuz-Blockade, der Nachfrageentwicklung und der Effektivität staatlicher Interventionen ab.

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