Strukturelle Krise der energieintensiven Industrie: Jüngste Erholung täuscht über tiefe Probleme hinweg

Die deutsche Industrieproduktion mit hohem Energiebedarf durchlebt einen langfristigen Strukturwandel, der sich in besorgniserregenden Zahlen widerspiegelt. Vom Spitzenwert Ende 2017 bis März 2026 sank die Gesamtindustrieproduktion von 110,9 auf 91,2 Indexpunkte – ein Rückgang von 17,76 Prozent. Im selben Zeitraum verzeichnete der Sektor der energieintensiven Branchen einen noch stärkeren Niedergang: Die Produktion in Chemie, Metallverarbeitung, Glas, Keramik, Stein- und Erdwarenindustrie sowie Papierherstellung und Mineralölverarbeitung sank um 20,64 Prozent.
Der Ukraine-Krieg als Beschleunigungsfaktor
Seit Anfang 2022, als der Ukraine-Konflikt die Energiepreise in die Höhe trieb, verschärfte sich die Lage erheblich. Die Gesamtindustrieproduktion schrumpfte in dieser Phase um 9,5 Prozent, während die energieintensive Industrie um 15,2 Prozent einbrach – wie aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen.
Hintergrund dieser Entwicklung ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Wachsende regulatorische Anforderungen, hohe Lohnkosten und vor allem kontinuierlich steigende Energiekosten haben sich zu einem ungünstigen Umfeld für energieintensive Produktion entwickelt. Der Krieg in der Ukraine wirkte als Katalysator für diese bereits bestehende Abwärtsbewegung. Hinzu kommen jüngst die Auswirkungen von Spannungen im Iran, die zu neuerlichen Energiepreissteigerungen führten.
Die Illusion der Erholung
Oberflächlich betrachtet scheint sich die Lage zu verbessern: In jüngster Zeit kletterte der Indexwert der energieintensiven Industrie von 80 auf 83,8 Punkte. Diese Bewegung nach oben ist jedoch trügerisch. Ein Blick auf die Einzelbranchen offenbart, dass nur ein kräftiger Anstieg in der Mineralölverarbeitung diese Gesamtentwicklung nach oben zieht. Die übrigen energieintensiven Sektoren verharren weiterhin auf schwachem Niveau.
Für die Gesamtwirtschaft ist dieser Anstieg in der Mineralölverarbeitung zudem problematisch: Deutschland ist kein bedeutender Exporteur von raffinerten Ölprodukten. Diese Produktion wird überwiegend im Inland konsumiert. Höhere Produktionsmengen bei gleichzeitig steigenden Energiepreisen bedeuten lediglich, dass Ölprodukte teurer werden – ein Kostenfaktor, der sich durch die gesamte Wertschöpfungskette zieht.
Dramatische Rückgänge in Schlüsselbranchen
Die Detailstatistiken für die Zeit von Februar 2022 bis März 2026 zeigen ein differenziertes, aber insgesamt besorgniserregendes Bild:
Die Herstellung von Glas, Glaswaren, Keramik sowie die Verarbeitung von Steinen und Erden erlebte den stärksten Rückgang mit minus 25,0 Prozent. Besonders hart traf es die Betonware-, Zement- und Kalksandsteinindustrie, die einen Einbruch von 29,3 Prozent verzeichnete. Die Papierproduktion fiel um 18,5 Prozent, während die chemische Industrie um 18,1 Prozent zurückging. In der Metallerzeugung und -verarbeitung betrug der Rückgang 12,9 Prozent.
Die einzige Ausnahme bildet tatsächlich die Mineralölverarbeitung, die seit Februar 2022 um 24,6 Prozent zugelegt hat, mit besonders deutlichen Zuwächsen ab Januar 2026. Diese Entwicklung erklärt die jüngste Erholung des Gesamtindex – und zugleich ihre begrenzte Aussagekraft für die wirtschaftliche Gesundheit des Sektors.
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