Mittwoch, 20. Mai 2026

Chinas Staatssicherheit warnt vor westlichem Einfluss auf „Lying Flat"-Bewegung

7. Mai 2026
Chinas Staatssicherheit warnt vor westlichem Einfluss auf „Lying Flat"-Bewegung
Chinas Staatssicherheit warnt vor westlichem Einfluss auf „Lying Flat"-Bewegung

Wachsende Unzufriedenheit unter Chinas Jugend

Die jüngsten Warnungen der chinesischen Staatssicherheit vor einer angeblich extern gesteuerten „Lying Flat"-Bewegung werfen ein Schlaglicht auf zunehmende gesellschaftliche Spannungen im Reich der Mitte. Seit Beginn dieses Jahrzehnts formiert sich eine Gegenbewegung zu Chinas offiziellem Entwicklungsnarrativ, die Karrierestreben und Konsumdenken bewusst ablehnt. Während die politische Elite weiterhin auf Leistung, wirtschaftlichen Aufstieg und materiellen Wohlstand setzt, wenden sich immer mehr junge Menschen dem Minimalismus und dem bewussten Rückzug zu. Der Vorwurf ausländischer Beeinflussung deutet darauf hin, wie sensibel das Thema geworden ist und welche Bedrohung die Führung darin für die gesellschaftliche Stabilität erkennt.

Das Ideal des „Chinesischen Traums"

Kurz nach seiner Wahl zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei besuchte Xi Jinping zusammen mit den neu gewählten Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros – darunter Li Keqiang, Zhang Dejiang, Yu Zhengsheng, Liu Yunshan, Wang Qishan und Zhang Gaoli – das Nationalmuseum in Peking. Die Ausstellung „Der Weg zur Wiedergeburt" zeigte Chinas Geschichte seit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts, jener Periode, die in der chinesischen Geschichtsschreibung als das „Jahrhundert der Demütigung" bekannt ist. Die Schau dokumentierte den Unabhängigkeitskampf, die Gründung der Volksrepublik 1949 und Chinas Aufstieg zur Gegenwart.

Bei dieser Gelegenheit artikulierte Xi Jinping die Vision des „Chinesischen Traums". Er erklärte: „Jeder Mensch hat Ideale und Strebungen, jeder hat seinen Traum. Jetzt sprechen alle vom ‚chinesischen Traum'. Meiner Meinung nach ist die Verwirklichung der großen Wiedergeburt der chinesischen Nation der größte Traum des chinesischen Volkes seit der Neuzeit." Der Generalsekretär betonte, dass dieser Traum die Sehnsüchte vieler Generationen in sich trage und China diesem Ziel näher denn je gekommen sei, wobei jedoch weitere intensive Anstrengungen erforderlich seien.

Mit dieser Rede markierte Xi den Startpunkt des Konzepts der „großen Wiedergeburt der chinesischen Nation" – ein Programm, das China bis 2049 in eine wohlhabende, starke, demokratische, zivilisierte und harmonische moderne sozialistische Macht verwandeln soll.

Für die junge Generation konkretisierte sich dieser Traum in einer verheißungsvollen Formel: Durch Fleiß und Engagement könnten alle sozial und wirtschaftlich aufsteigen. Das klassische Erfolgsszenario umfasste das eigene Haus, das eigene Auto, finanzielle Mittel für die Ausbildung der Kinder, finanzielle Sicherheit im Alter sowie einen Lebensstandard, der auch Luxusgüter wie gelegentliche In- und Auslandsreisen ermöglichte.

Die Realität der „996-Gesellschaft"

Doch die Verfolgung dieses Traums führte für viele zur Realität der sogenannten 996-Gesellschaft: Arbeitstage von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sechs Tage pro Woche. Hinzu kamen erbitterter Wettbewerb im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt sowie das Phänomen der „Involution" – ein Zustand, in dem steigende Anstrengung zu sinkenden Erträgen führt. Für breite Bevölkerungsschichten blieb der Traum unerreichbar.

„Lying Flat": Ein philosophischer Rückzug

Anfang der 2020er Jahre artikulierte sich eine Gegenbewegung unter dem Namen „Lying Flat". Ausgelöst wurde sie durch einen Online-Post des Nutzers Luo Huazhong, der schrieb: „Flach liegen zu bleiben ist Gerechtigkeit". Darin beschrieb er seinen Weg: Er kündigte seinen Fabrikjob auf, um ein minimalistisches Leben zu führen. Mit wenig Geld, gelegentlicher Arbeit und bewusster Ablehnung des gesellschaftlichen Leistungsdrucks sah er in dieser Lebensweise eine Form der persönlichen Befreiung.

Diese antikapitalistische Haltung trifft einen Nerv der jungen chinesischen Generation. Für viele rückt nicht nur bescheidener materieller Wohlstand in den Hintergrund, sondern es wächst das Bedürfnis nach tieferem Lebenssinn und authentischer Erfüllung. Dieses Sinnverlangen manifestiert sich auf verschiedene Weise – etwa in der wachsenden Hinwendung zu religiösen Gemeinschaften, besonders zum Christentum. Junge Menschen suchen dort Antworten auf existenzielle Fragen, für die das dominante Leistungsnarrativ wenig Raum bietet.

Die „Lying Flat"-Bewegung konsolidierte sich genau in dem Moment, als die Grenzen des „Chinesischen Traums" sichtbar wurden: Der Immobilienboom verlor an Schwung, und die Lockdown-Politik versetzte das Land in einen Zustand kollektiver Ernüchterung.

Eine Bedrohung für das Establishment

Für die Parteiführung stellt „Lying Flat" eine fundamentale Bedrohung dar. Die Bewegung widerspricht dem zentralen Narrativ der Kommunistischen Partei, das auf kollektiver Anstrengung, wirtschaftlichem Wohlstand und gesellschaftlicher Stabilität fußt. Wenn immer mehr junge Menschen auf Karriere, Konsum und Familiengründung verzichten, gefährdet dies das Wirtschaftswachstum, die demografische Entwicklung und den sozialen Zusammenhalt. Die Partei interpretiert dies nicht als private Lebensentscheidung, sondern als passiven Widerstand, der das Erfolgsversprechen der Partei in Frage stellt und sich schwer kontrollieren lässt.

Staatssicherheit warnt vor ausländischer Manipulation

Das Ministerium für Staatssicherheit reagierte, indem es die „Lying Flat"-Bewegung als von ausländischen Kräften finanziert darstellte, die darauf abzielten, Chinas Jugend zu manipulieren und die nationale Entwicklung zu sabotieren. In einer offiziellen Stellungnahme hieß es: „Zahlreiche Fälle zeigen, dass antichinesische feindliche Kräfte die ‚Lying-Flat'-Flagge hochhalten und aktiv die Gedanken der chinesischen Jugend untergraben." Weiter wurde betont: „Noch ironischer ist, dass sie selbst, während sie uns zum ‚Lying Flat' anstiften, so beschäftigt sind, dass ihre Füße den Boden nicht berühren. […] Sie hoffen nur, dass unsere Jugend ‚liegt' und unsere Entwicklungsdividenden, strategischen Chancen und die Zukunft der Nation kampflos aufgibt."

Sarkastische Gegenwehr in den sozialen Medien

Die Reaktion der Online-Nutzer war unmittelbar und scharf. Unter dem Video der Stellungnahme häuften sich Kommentare in Chinesisch, Englisch, Japanisch, Koreanisch, Deutsch und anderen Sprachen. Nutzer stellten sich ironisch als Kandidaten für „Förderung" durch angebliche ausländische Geldgeber vor und forderten Beträge zwischen 5 und 30 US-Dollar pro Tag, im Gegenzug für tägliche Videos ihres entspannten Alltags. Viele Kommentare waren mit gefälschten Überweisungsbelegen oder sarkastischen Anspielungen versehen.

Diese humorvollen und sarkastischen Reaktionen offenbaren nicht nur tiefe Frustration, sondern auch ein beachtliches Maß an politischem Witz und indirekter Gesellschaftskritik, die sich schnell viral verbreitet. Dass die Zensurbehörden solche Inhalte zumindest zeitweise tolerierten oder nicht sofort massiv löschten, deutet auf ein Dilemma hin: Einerseits möchte die Führung die Erzählhoheit bewahren und negative Stimmungen nicht eskalieren lassen. Andererseits erkennt sie vermutlich, dass eine übermäßig harte Unterdrückung dieser Witze die Sache nur vergrößern und den Unmut weiter befeuern würde.

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